Der europäische Wärmemarkt: Überblick und Herausforderungen

Der europäische Wärmemarkt: Überblick und Herausforderungen 

Im Dezember 2019 verabschiedeten die Staats- und Regierungschefs der EU ein Netto-Null-CO2-Emissionsziel bis 2050, gefolgt von der Veröffentlichung der Mitteilung der EU- Kommission zum Europäischen Grünen Deal im Januar 2020, in der mehrere Initiativen zur Erreichung dieses Ziels angekündigt wurden. Die Erreichung der Klimaneutralität bis 2050 erfordert hierbei eine schnelle und radikale Transformation des Energiesystems, einschließlich des energieintensiven Wärmesektors. Dieser Paradigmenwechsel erfordert erhebliche Verbesserungen in den Bereichen Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Systemintegration, Infrastrukturplanung und Investitionen

Wärmeerzeugung in Europa: der Löwenanteil des Energieverbrauchs

Heizen und Kühlen stellen heute die größte  Nachfrage im Energiesektor dar. Hierbei entfallen die Hälfte des Endenergieverbrauchs der EU sowie ein großer Teil der Kohlenstoffemissionen. Die Nachfrage nach Wärme kommt hauptsächlich aus den Bereichen Wohnen, Industrie und Dienstleistungen oder dem tertiären Sektor.

In den Bereichen Wohnen und Dienstleistungen wird die Wärme hauptsächlich für Heizzwecke benötigt. Im Wohnbereich wird die Energie auch für die Warmwasseraufbereitung verwendet. In den Haushalen der EU machten im JAhr 2017 der Raumwärme- und Warmwasserbedarf allein 79% der Endenergieverbrauchs aus.

Energieträger und Technologien im europäischen Wärmemarkt

In europäischen Gebäuden wird die Raumwärme hauptsächlich von Technologien bereitgestellt. Im Jahr 2018 wurden 21 % der benötigten Energie für Wärme und Kühlung aus erneuerbaren Energien gewonnen. Der Anteil der erneuerbaren Energien ist von 10,4 % im Jahr 2004 auf 19,7 % gestiegen.

In vier EU-Mitgliedstaaten, trotz stark variierenden Anteilen zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten, kam im Jahr 2018 mehr als die Hälfte der gesamten für Wärme und Kühlung verwendeten Energie aus erneuerbaren Energiequellen. Feste biogene Brennstoffe weisen den größten Anteil unter den erneuerbaren Energiequellen im Wärmemarkt auf.

Diese Unterschiede lassen sich mit den verschiedenen Entwicklungen des Heizungsmarktes für Wohn- und Gewerbegebäude in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erklären. Wesentlichen Einfluss auf den Wärmebedarf hatten die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen, aber auch das politische und wirtschaftliche System. Die Trends der Urbanisierung sowie die Energiepolitik mit differenzierten Reaktionen auf die globalen Ölkrisen von 1973 und 1979 führten ebenfalls zu unterschiedlichen Strukturen im Wärmemarkt.

In Deutschland hat Erdgas immer noch eine dominierende Stellung. Alternativ kamen in etwa Wärmepumpen zum Einsatz sowie Anschluss an die Fernwärme. In Frankreich hingegen, neben Gasheizung, ist die elektrische Heizung, die zweitwichtigste.

Wärme – kein lokales Problem mehr

Mit der Errichtung des Energiebinnenmarktes und den aufeinander folgenden Liberalisierungswellen, die in den letzten 30 Jahren in ganz Europa stattgefunden haben, lag der Fokus im Wesentlichen auf den Energieträgern Gas und Strom. Versorgungssicherheit und Klimaschutz haben eine zunehmende Bedeutung in energiepolitischen Überlegungen der EU.

Die Staats- und Regierungschefs der EU bemühen sich um eine Diversifizierung der Bezugsquellen und setzten sich mit dem Klimawandel und dessen Auswirkungen auseinander.

Aufgrund seines großen Anteils am Primärenergieverbrauch kann der Wärmesektor einen entscheidenden Beitrag zum Klimaschutz in Europa leisten. Über Maßnahmen im Bereich der Energieeffizienz, der Verringerung des Wärmebedarfs und der Dekarbonisierung der eingesetzten Primärenergie können Treibhausgas-Emissionen reduziert werden.

Im Rahmen der neuen Richtlinie für erneuerbare Energien hat die Europäische Union das Ziel festgelegt, den Anteil der erneuerbaren Energien an der Wärme- und Kälteerzeugung ab 2021 jährlich um 1,3 Prozentpunkte zu erhöhen, was angesichts der anhaltenden Präsenz fossiler Brennstoffe eine große Herausforderung für bestehende Strukturen darstellt.

Neue Impulse und Trends

Ein klimaneutraler Gebäudebestand und Wärmesektor lässt sich nur erreichen, wenn zunehmend effizientere und umweltfreundliche Heiztechnologien mit deutlich niedrigeren CO2-Emissionen verwendet werden. Je nach Ausprägung des Versorgungsgebiets sind unterschiedliche Pfade möglich – von Fernwärme bis hin zu Wärmepumpen, Kraft-Wärme-Kopplungs-Systeme, Brennstoffzellen und weiteren effizienten gasbasierten Systemen.

Die Warmwasseraufbereitung kann zunehmend durch erneuerbare Energiequellen und sekundäre Energiequellen wie die Nutzung von Abwärme aus Industrieprozessen, von Datenzentren, aus U-Bahn-Stationen usw. betrieben werden. Der Ausbau der Wärmenetze und die Modernisierung bestehender weniger effizienter Netze sind dabei entscheidende Schritte, die zu weiteren Energieeinsparungen führen werden.

Fernwärme-Netze sind eine effektive Option, mit der sich erneuerbare Energien zur Deckung des Wärme- und Kältebedarfs nutzen lassen. Sie können zum Beispiel Wind- oder Solarstrom in Form von Wärme speichern, die dann bei Bedarf zur Verfügung steht.

Ebenso können grüne Gase einen ähnlichen Beitrag leisten. Über Power-to-Gas-Technologien lassen sich erneuerbare Energien in Wasserstoff oder synthetisches Methan umwandeln, die den Haushalten zur Verfügung gestellt werden, die ihren Wärmebedarf heute mit Erdgas decken.

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