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Webinar-Rückblick: Straße von Hormus – Was sich bei globalen Energieflüssen und Marktstabilität verändert
Die aktuelle Lage in und um die Straße von Hormus wirkt weit über die Region hinaus: Sie erhöht die Unsicherheit an den Energie- und Rohstoffmärkten und stellt Politik, Wirtschaft und Industrie vor schwierige Abwägungen zwischen kurzfristiger Versorgungssicherheit und langfristiger Transformation.
Vor diesem Hintergrund haben wir am 28. April 2026 gemeinsam mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) das Webinar „Strait of Hormuz Part II: What’s Changing in Global Energy Flows and Market Stability“ durchgeführt. Die Veranstaltung wurde von Dr. Carsten Rolle moderiert.
Im Webinar standen vier Perspektiven im Mittelpunkt:
Geopolitische Szenarien und die Konsequenzen für Energiepolitik und Energiewende
Ölmarkt & Ölprodukte (inkl. Kerosin) sowie die Rolle strategischer Reserven
Gas- und LNG-Märkte: kurzfristige Volatilität, mittelfristige Umlenkungen globaler Ströme
Makroökonomische Effekte: Wachstum, Inflation und sektorale Betroffenheit in Europa
Prof. Dr. Andreas Goldthau ordnete die Lage als weiterhin hochgradig instabil ein und betonte, dass eine kurzfristige Lösung derzeit nicht in Sicht sei. Er verwies auf die ausgeprägte Unberechenbarkeit der US-Position – bis hin zu abrupten Änderungen, die sich aus kurzfristiger Kommunikation ergeben können – und zog insgesamt ein ernüchterndes Zwischenfazit. Für den weiteren Verlauf skizzierte er drei Szenarien: (1) ein Einlenken Irans, das er als sehr unwahrscheinlich einschätzte; (2) eine politische „Erfolgserklärung“ der USA mit anschließendem Rückzug aus der Meerenge, wodurch andere Staaten – unter anderem Europa – mit der Bewältigung der Folgen konfrontiert wären; oder (3) ein fortgesetzter Konflikt. In diesem Fall würden Versorgungsprobleme anhalten und die Golfregion ihre Rolle als verlässlicher globaler Energie-Hub nicht rasch wieder einnehmen. Hinweise auf ein aktiveres Eingreifen Chinas sah er nicht. Gleichzeitig warnte er, Europa unterschätze weiterhin die Auswirkungen eines länger andauernden Konflikts auf die Energiemärkte.
Toril Bosoni erklärte, dass die Märkte derzeit eine Knappheit einpreisen, die Einschätzung aber wegen begrenzter, schwer verifizierbarer Informationen erschwert werde, da sich viele Länder in der Kommunikation zurückhaltend zeigten. Sie verwies zugleich auf die stark gesunkenen Exportmengen der Golf-Exporteure – von rund 24 Mio. Barrel pro Tag im Februar auf etwa 10 Mio. Barrel pro Tag – und betonte, dass es Zeit brauchen wird, Ölfelder und Produktionskapazitäten wieder hochzufahren. Zudem werde der Wiederaufbau beschädigter Infrastruktur spürbar dauern, auch weil Ersatzteile und Reparaturequipment knapp sind und es hier zu zusätzlichem Wettbewerb komme, was Zeitpläne weiter verzögern könne. Besonders sichtbar seien die Stresssignale bei Jet Fuel/Kerosin: Europas Bestände stabilisieren sich nur, wenn Ersatzimporte mindestens ~75 % (besser ~90 %) der verlorenen Mengen erreichen; bei nur ~50 % Ersatz drohten bereits ab Juni Engpässe an Flughäfen. Vor diesem Hintergrund seien bereits Anpassungen zu beobachten – u. a. zusätzliche Kerosinimporte aus alternativen Quellen wie Nigeria. Die gezeigten Folien sind hier zu finden.
Dr. Tatiana Mitrova machte deutlich, dass selbst bei einer kurzfristigen Wiederöffnung der Meerenge keine sofortige Normalisierung zu erwarten sei; vielmehr würde es Monate dauern, bis die Lieferströme wieder spürbar zunehmen. Europa stehe derzeit unter physischem Versorgungsstress, ein unmittelbarer Zusammenbruch sei jedoch nicht absehbar. Zugleich verwies sie auf die strukturelle Bedeutung Katars, das rund 20 % des globalen LNG bereitstellt – mit Lieferströmen, die überwiegend nach Asien gehen. Europa habe erst im April begonnen, tatsächlich LNG-Mengen aus Katar zu verlieren; bis dahin hätten die Tanker Europa weiterhin erreicht. Die Substitution der fehlenden Mengen gelinge bislang, jedoch warnte sie vor zeitverzögerten Engpässen. Die Preise seien in Europa hoch, aber noch tragfähig; die Beschaffung für den kommenden Winter werde jedoch voraussichtlich besonders schwierig und teuer, da Europa deutlich intensiver mit asiatischen Abnehmern konkurrieren müsse. Europa werde Gas aus allen verfügbaren Quellen benötigen; die Industrie müsse sich auf ein sehr anspruchsvolles Restjahr einstellen.
Felix Hüfner (UBS) skizzierte die makroökonomischen Effekte steigender Energiepreise. Entscheidend seien Dauer und Höhe des Schocks. Er bewerte die Situation primär als Preis- und weniger als Mengenkrise und arbeite in den Annahmen mit einem Ende nach Juni 2026. Hüfner erwartete, dass Deutschland stärker betroffen sein dürfte als etwa Frankreich; die deutschen BIP-Wachstumsprognosen für 2026 seien bereits halbiert worden. Besonders belastet sei energieintensive Produktion; im Verarbeitenden Gewerbe ergebe sich ein gemischtes Bild, wobei einzelne Werke bereits von Versorgungsstörungen berichteten. Auch im Dienstleistungssektor zeigten sich erste Belastungen. Vergleichsweise robust seien dagegen Bereiche, die mit fiskalischen Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung verbunden sind. Bei der Inflation nannte er 3 % im April und eine Projektion von 3,5 % im Mai, da höhere Energiekosten in weitere Bereiche – etwa die Nahrungsmittelproduktion – durchschlagen.
Übergreifend zeigte sich eine gemeinsame Linie: Maßnahmen sollten zielgerichtet, zeitlich befristet und verhältnismäßig sein; zugleich bleibt die Beschleunigung der Energiewende zentral, um Abhängigkeiten von geopolitisch verwundbaren Routen zu reduzieren.
Hier den Mitschnitt des Webinars schauen:
Hier einen Artikel über die zentralen Erkenntnisse des Webinars lesen.
Geopolitische Risiken im Nahen Osten: Auswirkungen auf Öl- und Gasmarktentwicklungen
Stand: Juli 2026
Die Lage im Nahen Osten bleibt ein bedeutender Risikofaktor für die globalen Energie- und Rohstoffmärkte. Nach den starken Marktreaktionen zu Beginn des Konflikts haben sich die Energiemärkte teilweise stabilisiert, bleiben jedoch anfällig für weitere geopolitische Eskalationen.
Auswirkungen auf die globale und deutsche Energieversorgung
Die angespannte Lage im Persischen Golf sorgt weiterhin für Unsicherheit auf den internationalen Energiemärkten. Nachdem sich der Brent-Rohölpreis Ende Juni zwischenzeitlich auf unter 68 USD pro Barrel bewegt hatte und damit unter dem Niveau vor Ausbruch des Konflikts lag, ist er zuletzt wieder auf rund 89 USD pro Barrel gestiegen. Die Preisentwicklung wird derzeit vor allem von geopolitischen Signalen und der Sorge vor weiteren Eskalationen beeinflusst.
Entwicklung auf den globalen Ölmärkten
Das globale Ölangebot hat sich nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) im Juni deutlich erholt und lag bei rund 98,8 Millionen Barrel pro Tag. Dennoch befindet sich die weltweite Förderung weiterhin deutlich unter dem Vorjahresniveau. Zusätzliche Lieferungen aus dem Atlantikraum sorgen zwar für Entlastung, die Märkte bleiben jedoch anfällig für geopolitische Störungen. Die Produktmärkte zeigen sich weiterhin angespannt. Der weltweite Raffineriedurchsatz liegt noch unter dem Niveau des Vorjahres. Insbesondere die Knappheit bei Diesel und Benzin führte zuletzt zu steigenden Raffineriemargen und höheren Preisen. Die Versorgung mit Flugkraftstoffen hat sich hingegen durch eine erhöhte Raffinerieproduktion etwas entspannt.
Risiken für wichtige Energiehandelsrouten
Neben der Straße von Hormus bleibt auch das Rote Meer ein bedeutender Risikofaktor für die globale Energieversorgung. Sollte es zu Angriffen auf Schiffe oder Hafenanlagen kommen, könnte eine weitere zentrale Exportroute beeinträchtigt werden. Über das Rote Meer werden derzeit rund sieben Prozent der weltweiten Ölversorgung transportiert. Seit den Einschränkungen im Persischen Golf wird ein erheblicher Teil der Ölexporte aus den Golfstaaten über die saudi-arabische East-West-Pipeline (Petroline) zum Roten Meer umgeleitet. Zusätzliche Störungen entlang dieser Route könnten die Versorgungslage und die Preisentwicklung auf den Weltmärkten weiter belasten.
Auswirkungen auf den globalen LNG-Markt
Auch der Markt für Flüssigerdgas (LNG) steht weiterhin unter Druck. Die durch den Nahostkonflikt und Schäden an der Gasinfrastruktur verursachten Angebotsausfälle verschärfen die Marktlage kurzfristig. Nach Einschätzung der IEA und von S&P Global verändern sie jedoch den mittelfristigen Trend zu einer Entspannung des LNG-Marktes nur begrenzt. Die IEA geht davon aus, dass sich die marktberuhigende Wirkung neuer LNG-Kapazitäten weltweit um etwa zwei Jahre verzögern könnte. Die erwarteten LNG-Ausfälle zwischen 2026 und 2030 belaufen sich auf rund 140 Milliarden Kubikmeter und entsprechen etwa 15 Prozent des weltweit erwarteten zusätzlichen LNG-Angebots in diesem Zeitraum.
Auswirkungen auf Deutschland
Für Deutschland bestehen derzeit keine unmittelbaren Risiken für die physische Versorgung mit Erdöl oder Erdgas. Die deutsche Energieversorgung ist heute deutlich breiter aufgestellt und stützt sich auf eine diversifizierte Importstruktur. Dennoch wirken sich geopolitische Spannungen über die internationalen Rohstoffmärkte auch auf Europa aus. Höhere Öl- und LNG-Preise können sich in Deutschland in Form steigender Energie-, Heiz- und Kraftstoffkosten bemerkbar machen. Die größten Auswirkungen ergeben sich derzeit weniger aus direkten Lieferausfällen als aus den Preisreaktionen auf den globalen Märkten.
Fazit
Deutschland ist bei der Versorgung mit Erdöl und Erdgas heute deutlich widerstandsfähiger als noch vor wenigen Jahren. Die aktuelle Entwicklung zeigt jedoch, dass geopolitische Konflikte weiterhin erhebliche Auswirkungen auf die globalen Energiepreise haben können. Gleichzeitig unterstreicht die Lage die Bedeutung einer diversifizierten Energieversorgung, resilienter Lieferketten und des weiteren Ausbaus erneuerbarer Energien.
Quellen:
– IEA Oil Market Report July 2026
– IEA Gas Market Report Q3 2026
– ACER LNG Monitoring Report 2026
Webinar Rückblick: China 2026: Energie, Klima & der neue Fünfjahresplan
Chinas neuer Fünfjahresplan setzt den Kurs für die kommenden Jahre – mit weitreichenden Folgen für globale Energie- und Klimapolitik. Während Peking im Ausland mit einem hochdynamischen Export von Cleantech seinen geopolitische Einfluss ausbaut und wirtschaftliche Abhängigkeiten schafft, bleibt der eigene Transformationspfad ambivalent: ein beeindruckender Ausbau an Erneuerbaren Energieanlagen trifft auf selektive Priorisierung und politische Zurückhaltung im Tempo des Umstiegs.
In diesem Webinar wurde beleuchtet, wie Chinas industriepolitische Strategie die internationalen Märkte verschiebt, welche Chancen und Risiken sich für Deutschland und Europa ergeben – und wie geopolitische Wettbewerbsdynamiken die Energiewende weltweit prägen.
Drei zentrale Erkenntnisse des Webinars sind:
Energiesicherheit hat höchste Priorität: China produziert rund 75 % seines Energiebedarfs selbst. Fossile Energieträger bleiben stabil, während erneuerbare Energien nur moderat von 22 auf 25 % wachsen.
Der Energiehunger wächst weiter: Der steigende Bedarf wird teilweise durch erneuerbare Energien gedeckt – eine Abkehr von fossilen Energieträgern ist nicht vorgesehen.
Institutionelle Grundlagen für ambitioniertere Ziele: Der aktuelle Plan fokussiert auf Umsetzung, Ressourcenbündelung und institutionelle Strukturen bis 2030 – als Basis für weitergehende Klimaziele in der Folgeperiode.
Es diskutierten Geertje Richter von Flender Ltd China, Gustav Theile von der Frankfurter Allgemeine Zeitung, Susanne Droege von der Stiftung Wissenschaft und Politik und Elisa Hörhager vom Bundesverband der Deutschen Industrie. Moderiert wurde das Webinar von Dr. Carsten Rolle.