08/09/2026: Fragmentierung als New Normal: Die globale Energiewelt zwischen Konkurrenz und Kooperation
• Weltenergierat – Deutschland veröffentlicht Jahrespublikation mit dem Fokusthema „Geopolitische Fragmentierung – Drei Szenarien für Energiewirtschaft und Klimaschutz“.
• Die Szenarien zeigen, wie unterschiedlich stark sich geopolitische Konkurrenz auf Energiesicherheit, Machtverteilung und Klimapolitik auswirken kann. Allen Szenarien gemeinsam: der Bedarf an Resilienz wächst.
• Für Deutschland und Europa bedeuten die neuen geopolitischen Realitäten ein Umdenken sowie die notwendige engere Verknüpfung von Energie-, Außen-, Sicherheits-, Klima- sowie Industriepolitik.
„Energie ist längst nicht mehr nur ein ökonomisches Gut. Sie ist zu einem zentralen Faktor geopolitischer und industrieller Machtpolitik geworden – in allen drei untersuchten Szenarien. Geopolitik wird gleichzeitig zu einem zentralen Treiber energie- und technologiepolitischer Entwicklungen“, sagt Dr. Carsten Rolle, Geschäftsführer des Weltenergierat – Deutschland.
Von der Globalisierung zur Re-Globalisierung
Die Weltwirtschaft ordnet sich neu. Jahrzehnte einer fortschreitenden Globalisierung, die durch internationale Arbeitsteilung, Effizienzsteigerung und Kooperation gekennzeichnet waren, weichen einer sog. Re-Globalisierung, in der wirtschaftliche Verflechtungen zunehmend politisiert werden. Für die Energie- und Klimapolitik bedeutet das, dass sie sich absehbar in einem Spannungsfeld aus globaler Interdependenz und geopolitischer Konkurrenz bewegen wird. Das ist ein zentrales Ergebnis des Schwerpunktkapitels der diesjährigen Weltenergierat-Veröffentlichung „Energie für Deutschland 2026“, verfasst von Dr. Jacopo Maria Pepe (Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP).
Geopolitische Fragmentierung löst liberale Weltordnung ab
In drei Zukunftsszenarien werden mögliche Entwicklungspfade der Fragmentierung und deren Folgen für die Energie- und Klimapolitik sowie die Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit Europas aufgezeigt. Ihre gemeinsame Botschaft: Internationale Konflikte unterschiedlicher Dimension werden auch künftig die Weltordnung prägen. Eine Rückkehr zur bekannten marktbasierten Globalisierung ist unwahrscheinlich.
Auch die Anpassung an die Folgen des Klimawandels gewinnt in allen drei Szenarien an strategischer Bedeutung: Der Fokus verschiebt sich zunehmend von der reinen Emissionsminderung hin zur systemischen Anpassung. Dieser Paradigmenwechsel hat insbesondere vor dem Hintergrund weltweit zunehmender Extremwetterereignisse zuletzt deutlich an Aufmerksamkeit gewonnen.
Resilienz als neues Ordnungsprinzip – Politik muss Zielbild definieren
In einer zunehmend fragmentierten Welt wird Resilienz zum Schlüsselmotiv: Resiliente, diversifizierte und redundante Energie- und Rohstoffsysteme werden dauerhaft zur Voraussetzung für Versorgungssicherheit. „In Deutschland fehlt bisher jedoch ein klares Zielbild, was Resilienz bedeutet, welches Absicherungsniveau angestrebt wird und wer die Kosten dafür trägt“, stellt Carsten Rolle fest. Zusätzliche Importquellen, parallele Lieferketten sowie doppelt ausgelegte Infrastrukturen können Abhängigkeiten reduzieren und die Versorgungssicherheit erhöhen. „Jede Form von Redundanz ist aber mit zusätzlichen Kosten verbunden, die sorgfältig abgewogen werden müssen“, gibt Carsten Rolle zu bedenken.
Künftig wird hinsichtlich Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit jedoch nicht mehr allein der Zugang zu einzelnen Ressourcen entscheidend sein, sondern die Kontrolle ganzer Wertschöpfungsketten – von Rohstoffen über die Produktion und Infrastruktur bis zur Standardsetzung. Energie- und Rohstoffversorgung, industrielle Wertschöpfung, kritische Infrastrukturen und geopolitische Einflussnahme sind immer stärker miteinander verflochten.
Mit strategischen Partnerschaften und Multilateralismus Fragmentierung begegnen
Eine weitere Diversifizierung von Energiequellen und Importkorridoren sowie eine Intensivierung gezielter bilateraler Partnerschaften, etwa mit aufstrebenden Mittelmächten wie Brasilien, Indien und den Golfstaaten, können Schritte in Richtung von mehr Resilienz sein. Denn internationale Kooperationen und ein Mindestmaß an Multilateralismus bleiben zentral, um einer vollständigen Fragmentierung von Märkten und Klimapolitik entgegenzuwirken.
Ein mögliches Handlungsfeld für die Europäische Union ist ein gezielter Einfluss auf internationales Standard-Setting, etwa im Wasserstoffbereich, wo die regulatorischen Rahmenbedingungen und Standards erst noch etabliert werden müssen. Hinzu kommt, Energie- und Klimapolitik nicht mehr isoliert zu betrachten, sondern sie enger mit anderen Politikbereichen wie Außen-, Sicherheits- und Industriepolitik zu verzahnen – auf nationaler wie europäischer Ebene. „Es braucht eine ressortübergreifende Governance, um den veränderten Anforderungen einer neuen fragmentierten Energie- und Klimawelt gerecht zu werden“, sagt Carsten Rolle.
Die drei Szenarien im Überblick
Im Szenario polyzentrischer Konkurrenz bleibt die Weltwirtschaft weitgehend integriert, ist aber durch selektive Entkopplung und Industriepolitik sowie sicherheitspolitische Risikoprämien geprägt. Die Rivalität zwischen den Staaten bleibt mittelhoch. Sie führt jedoch nicht zu einer dauerhaften Bildung von Blöcken. Die globale Ordnung bleibt multipolar. Energie bleibt ein handelbares Gut, wird aufgrund von redundanten Strukturen und Lieferketten, einer höheren Risikostreuung sowie Diversifizierungstrends jedoch teurer. Die Klimapolitik entwickelt sich regional unterschiedlich.
Im Szenario eskalierter Großraumkonflikte verfestigen sich sowohl internationale Krisen als auch konkurrierende Machtblöcke. Die internationale Ordnung verdichtet sich zu wenigen Großräumen, die nicht nur wirtschaftlich und technologisch miteinander konkurrieren. Es besteht allgemein ein großes Eskalationspotenzial, das sich in einer hohen Rüstungsdynamik widerspiegelt. Energie- und Handelsrouten werden dauerhaft politisiert oder unterbrochen. Die Preise steigen infolge dauerhaft hoher Volatilität strukturell; die Märkte segmentieren sich in Preiszonen. Energie- und Klimapolitiken werden weitgehend nationalisiert. Es ist das kostenintensivste der drei Szenarien.
Im Szenario funktional-institutionalisierter Koexistenz bleiben trotz anhaltender Konkurrenz selektive Kooperationsräume erhalten – getragen von Regelwerken wie den WTO-Handelsregeln oder dem Pariser Klimaabkommen. Die Welt bleibt multipolar und machtpolitisch geprägt. Mittelmächte übernehmen als Brückenakteure Vermittlungsfunktionen zwischen den großen Machtzentren. Es entsteht ein fragmentierter, aber funktionsfähiger Multilateralismus. Es bildet sich keine globale Klimagovernance im eigentlichen Sinn aus. Die nachhaltige Energietransformation wird eher im Rahmen technologischer Allianzen und projektbezogener Kooperation vorangetrieben. Die Energiepreise sind aufgrund geringerer Volatilität und Transaktionskosten stabiler als in den anderen Szenarien.
Die Publikation „Energie für Deutschland 2026“ steht über den folgenden Link zum Download bereit. Weitere Themen dieser Ausgabe: Aktuelle Vorhaben der EU-Kommission, Flüssiggas (LPG) in der Industrie, aktuelle Entwicklungen in der internationalen Schifffahrt, Sektorenübergreifende Flexibilität für die Energiewende, Gesamtkosten des deutschen Stromsystems – und vieles mehr.
Über den Weltenergierat – Deutschland e.V.:
Der Weltenergierat – Deutschland repräsentiert durch seine Mitglieder alle Energieträger und Technologien. Er ist die unabhängige Stimme für internationale Energiefragen in Deutschland. Sein Ziel ist es, die globale Perspektive in die nationale Debatte einzubringen und das Energiesystem der Zukunft zu gestalten. Als Teil des World Energy Council vertritt der Weltenergierat das deutsche Energiesystem im größten internationalen Netzwerk der Energiewirtschaft. Seit 100 Jahren setzt er sich weltweit für eine nachhaltige Energieversorgung zum Wohl aller Menschen ein.